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„Edition fourtyfive“ und ein Blick in die Lindauer Eishockey-Historie

Auftakt gegen Frauenteam, Wanderer zwischen den Welten und jüngste Erfolge

Lindau (EVL) – Das aktuelle Aufwärmtrikot erinnert an die Anfänge im Lindauer Eishockey. „Edition fourtyfive“ prangt dort in dicken Buchstaben. Der Schriftzug erinnert an die Gründung der EV Lindau Islanders vor 45 Jahren, genauer gesagt am 13. Dezember 1976. 

Grund genug also, um einen Blick in die abwechslungsreiche Geschichte des EV Lindau zu werfen. Sie erzählt von den schwierigen Anfängen, von den Wanderungen zwischen den Eishockey-Welten in Bayern und Baden-Württemberg sowie von den großen Erfolgen in der jüngsten Vergangenheit.

In Lindau wurde bereits in den Jahren 1948 – 1954 Eishockey gespielt. Angefangen wurde auf dem kleinen See vor der Landtorbrücke, später spielte man auf den vereisten Tennisplätzen am Aeschacher Ufer. 1976 wurde das Eisstadion im Eichwald eröffnet. Es wurden allerdings Stimmen laut, dass dort kein Eishockey in Frage komme. Erst nach zahlreichen Gesprächen von Fritz Herpich und Walter Bänziger mit der Stadt Lindau und deren Hauptamtsleiter Hans Vogel stiegen die Chancen auf eine Eishockey-Nutzung. Mit dieser Aussicht konnte man es wagen, einen neuen Verein zu gründen.

Am 13. Dezember 1976 war es dann so weit. Den Grundstein hatten Hans Vogel, Fritz Herpich, Walter Bänziger, Helmut Schäffler und Franz Wucher schon vorher in einer Sitzung im Aeschacher Hof gelegt. Bei der Gründungsversammlung bekam der neue Verein den Namen Eislaufverein Lindau. 36 Gründungsmitglieder wählten Fritz Herpich zum 1. Vorsitzenden. Mit der Gründung des Vereins begann das, was heute noch die Kernphilosophie der Islanders ist: Lindauer Kinder zum Eishockey zu bringen und ihnen den Spaß am schnellsten Mannschaftssport der Welt zu vermitteln.

Bildquelle: EV Lindau Islanders (1. Schülermannschaft 1977)

1977 bestritt die Traditions-Mannschaft des EV das erste offizielle Eishockey-Spiel. Gegner vor 600 Zuschauern im Eisstadion im Eichwald war die Damen-Mannschaft des EV Füssen. Das Endergebnis lautete 7:2. Es war der einzige Auftritt von Walter Bänziger und Franz Wucher im Trikot des EV Lindau. Der Mitgründer des Vereins, langjährige sportliche Leiter und Nachwuchstrainer war Anfang September im Alter von 85 Jahren verstorben, ebenso wie sein langjähriger Freund Walter Bänziger rund zwei Monate vorher. Die Lebensleistungen der beiden Ehrenmitglieder werden stets als festes Vermächtnis Bestandteil der EVL-Geschichte bleiben.

1983 war Bänziger maßgeblich an einer wegweisenden Entscheidung für den EVL beteiligt. Als Lindenberg die Spielgemeinschaft mit Lindau aufkündigte, stand Lindau plötzlich ohne 1. Herrenmannschaft da, es bestand sogar die Gefahr, dass – ohne das Zugpferd einer 1. Mannschaft – alles auseinanderbricht. Aus der Not machte der EVL mit Walter Bänziger als treibender Kraft eine Tugend und setzte voll auf den Nachwuchs. „Wir haben uns diesen Schritt wohlweislich überlegt. In der Hoffnung bald wieder eine Herrenmannschaft mit Eigengewächsen stellen zu können”, zitiert die Vereinschronik Walter Bänziger. Er selbst sorgte mit Hilfe von Sponsoren gleich noch für drei komplette und vor allem teure Eishockey-Garnituren für den Nachwuchs.

Das Wagnis auf die Jugend zu setzen, wurde nicht enttäuscht. In der Saison 1985/86 war es so weit. Nach zweijähriger Unterbrechung konnte der EV Lindau wieder eine Herrenmannschaft aus eigenen Nachwuchsspielern stellen – komplett, ohne Fremdspieler, was mit ziemlicher Sicherheit einmalig in Deutschland war.

Der EV Lindau wurde in der Saison 1985/1986 auf Anhieb Meister in der Landesliga Württemberg. Trainer war das Eigengewächs Klaus Thomann. Es folgte 1988 die Vize-Meisterschaft in Baden-Württemberg sowie 1989 der Aufstieg in die Regionalliga Südwest. Mit Jan Szeja spielte 1990 erstmals ein polnischer Nationalspieler für Lindau. Ein Jahr später (1991) kehrte der EV Lindau freiwillig aus der Regionalliga Süd/West nach Bayern zurück. Grund: Durch die Zusammenlegung der Regionalligen Süd/West und Süd wären untragbare Kosten auf den EVL zugekommen.

Mit Bob Sullivan kam 1995 erstmals ein Ex-Profi aus Kanada als Spielertrainer zu den Lindauern, zwei Jahre später belegte das Team den dritten Platz in der Landesliga und stieg in die Bayernliga auf. Zum Spiel gegen den ESC München, einst Hedos München und 1994 Deutscher Meister, sahen 1.100 Zuschauer die 2:7-Niederlage. 1997 wurde auch der Beiname „Islanders“ aus der Taufe gehoben.

Nach einigen turbulenten Jahren feierten die Islanders ihr 25-Jähriges Jubiläum mit einem Spiel gegen Schwenningen. Der plötzliche Tod von Dr. Dieter Baumgärtner der im Hintergrund die Insolvenz verhindern konnte, schockte den Verein. 2003 stellten die Islanders die Weichen für die Zukunft. Marc Hindelang wurde am 1. Februar 2003 zum 1. Vorsitzenden des EVL gewählt. Bernd Wucher, Rekordspieler der Islanders, beendete seine Laufbahn und rückte in den Vorstand als sportlicher Leiter auf. Die Verpflichtung von Willi Bauer erwies sich als wichtigste Entscheidung bisher für den EVL in sportlicher Hinsicht, dies wirkte sich positiv auf die Nachwuchsstrukturen und die 1. Mannschaft aus.

Schon 2009 trug die Arbeit Früchte. Die Islanders wurden Meister der Landesliga, verloren aber vor 4.500 Zuschauern das entscheidende Spiel der Aufstiegsrunde in Regensburg mit 1:3. Später stieg der EVL als Nachrücker doch noch in die Bayernliga auf. Willi Bauer war über fünf Jahre Cheftrainer der Islanders und weitere zwei im Nachwuchs als Headcoach Nachwuchs beschäftigt – er war mittverantwortlich, dass Lindaus großer Traum von der Eishalle am 10.Oktober 2010 Wirklichkeit wurde. Vor 1250 Zuschauern wurde die Eishalle gegen die Towerstars aus Ravensburg (DEL2) eingeweiht. Augenzeugen sprechen noch heute von einem Gänsehautfeeling.

Ab 2010 spielten dann die Islanders in der bayrischen Beletage, der Bayernliga. Unter Trainer Sebastian Buchwieser, der in der Saison 2014/2015 übergangslos vom Topspieler zum Trainer mutiert, erreichten die Islanders erstmals die Playoffs. Danach spielte sich das Team in einen Rausch und gewann am 2. April 2015 gegen den Höchstadter EC nach dreimaligen Rückstand mit 4:3. Kapitän Tobias Fuchs war es vorbehalten, nach exakt 56 Minuten und 28 Sekunden den Siegtreffer zu erzielen.

Bildquelle: Christian Flemming (Archiv) – Bayernliga Meistertitel 2015
Bildquelle: Christian Flemming (Bayernligameister)/ In einem packenden fünften und letzten Finalspiel holt sich der EV Lindau in Höchstadt den Titel des Bayernligameisters. Trotz hartem Spiel kam es nur zu ganz wenigen Strafen, anschließend feierten Fans und Spieler beider Mannschaften gemeinsam auf dem Eis.

2016 bestätigten die Islanders ihre Erfolge, wurden Meister der Bayernliga-Hauptrunde, scheiterten aber im Halbfinale der Playoffs am späteren Meister Waldkraiburg. Durch die Reform der Oberliga Süd konnten die Lindauer aber nachrücken und erreichten im 40. Jubiläum erstmals die dritthöchste Liga in Deutschland. Dort schaffte das Team 2019 erstmals den Einzug in die Playoffs gegen die Nord-Gruppe. Gegner Tilburg Trappers, gespickt mit niederländischen Nationalspielern und mit einer Sondergenehmigung in der deutschen Oberliga Nord aktiv, war dann aber zu stark. 2021 erreichten die Islanders erneut die Playoffs der Oberliga Süd, mussten sich den Wölfen aus Selb, dem späteren Meister und Aufsteiger in die DEL2, beugen.

Derzeit bietet der EVL über 200 Jugendspielern und Spielerinnen (über 275 Aktive) eine sportliche und soziale Heimat. Die Jugendteams des EV Lindau gewannen verschiedene Titel. Zuletzt holte die U17 in der Saison 2019/2020, nach spannenden Spielen gegen die Nachwuchsvertretungen großer deutscher Vereine, am Ende verdient den Titel des bayrischen Meisters. Seit Mitte September begrüßte der Verein sage und schreibe 125 neue Kinder beim EVL. „Die Gründer wären heute sicher sehr stolz, dass die Philosophie auch nach 45 Jahren weiter heißt: Die Jugend braucht eine sportliche und soziale Heimat und die Eissportfreunde eine sportliche Identifikation mit den EV Lindau Islanders“, kommentiert Bernd Wucher das Vereinsjubiläum.

Bildquellen:

  • Christian Flemming (Archiv) – Bayernliga Meistertitel 2015
  • Verein (1. Schülermannschaft 1977)