DEB-Interview mit Toni Söderholm: „Wir können jetzt Szenarien zusammenstellen“

DEB-Interview mit Toni Söderholm: „Wir können jetzt Szenarien zusammenstellen“

DEB: „Nach fast einem Jahr in der Pandemie haben alle lernen müssen mit vielen Unwägbarkeiten umzugehen. Hat man sich auch als Bundestrainer inzwischen daran gewöhnt?“

Toni Söderholm (42/Bundestrainer): „Daran gewöhnen kann und will man sich natürlich nicht. Man lernt vielleicht aber mehrdimensional zu denken, was alles passieren kann und was alles geplant sein muss oder dass du drei, vier verschiedene Pläne haben musst. Aber ich weiß im Endeffekt noch nicht, wie es mich danach weiterbringt. Besonders als Bundestrainer hat man lernen müssen mit Enttäuschungen zurechtzukommen, wenn Spiele ausfallen, Maßnahmen gestrichen werden. Aber so ist es, du musst immer versuchen, das Beste aus den Umständen zu machen.“

DEB: „Wie gut ist in dieser Lage immerhin die Klarheit über den WM-Ausrichter 2021?“

Söderholm: „Das ist sehr wichtig, denn jetzt kann man seine Gedanken darauf ausrichten, was uns in Riga erwartet. Wir haben noch nicht allzu viele Infos, aber wir wissen, wo gespielt wird und die groben Bedingungen. Wir warten noch auf den zeitlichen Plan wie alles abläuft, aber wir können zumindest jetzt mit anderen Nationen sprechen und Vorbereitungsspiele planen, wir können verschiedene Szenarien zusammenstellen und je nachdem, wann wir wissen, wann wir in Riga sein müssen und ob wir da Vorbereitungsspiele absolvieren, richten wir die Pläne danach aus.“

DEB: „Wie viel lässt sich aktuell über die WM-Vorbereitung sagen?“

Söderholm: „Christian Künast hat viel mit anderen Nationen gesprochen, was deren Pläne angeht. Fakt ist: Alle wollen auch vor dem WM-Turnier spielen und da versuchen wir jetzt Lösungen zu finden, was wir machen können. Jedes Spiel vor der WM ist jetzt unglaublich wichtig. Wichtig ist auch, dass wir in naher Zukunft die Info bekommen, wie das WM-Turnier läuft: Ist es eine Bubble oder keine? Wenn ja, dann ist es auch für die Spieler etwas Besonderes. Bei einer WM sind sie daran nicht gewöhnt. Ein erfahrener Spieler geht an einem freien Tag zum Kaffee trinken in die Stadt und fühlt ein bisschen WM-Atmosphäre. Das wird diesmal alles anders sein, wenn es so ist, dass wir in einer Bubble spielen. Da brauchen auch die Spieler klare Infos.“

DEB: „Das heißt, es gibt im Moment Szenario A, B und C und ihr wartet ab, was vom Weltverband dann an Vorgaben kommt.“

Söderholm: „Wir haben jetzt den ursprünglichen Kalender plus drei oder vier Varianten. Das muss man dann auch mit den Ligen abstimmen, was für uns möglich ist, wie viele Spieler infrage kommen, wann die DEL-Play-offs vorbei sind und all diese Dinge. Das müssen wir alles jetzt im Blick haben.“

DEB: „Wovon gehst du im Moment aus, was den Beginn der WM-Vorbereitung betrifft?“

Söderholm: „Ungefähr die letzte April-Woche, erste Mai-Woche. Die letzte April-Woche ist jetzt unser Ziel, da hoffen wir anfangen zu können.“

DEB: „Wie konzipierst du den WM-Kader allein auf der Basis von Beobachtungen und mehr oder weniger Fernanalysen?“

Söderholm: „Da spielt die Lage in der NHL schon eine Rolle, denn da war es ja angedacht, dass die Hauptrunde am 8. Mai zu Ende ist, jetzt haben sie es schon auf den 10. Mai verschoben und sie haben ja jetzt schon ungefähr 30 Spiele verlegen müssen. Irgendwann muss die Hauptrunde enden, auch wegen der Werbe- und TV-Verträge, die es drüben gibt. Dann wird es womöglich richtig knapp und extrem eng für die WM, falls es Quarantänezeiten geben sollte. Aber ich habe schon so einige Ideen für den Kader. Ich arbeite momentan im Großen und Ganzen mit ungefähr zwei Mannschaften von der Anzahl der Spieler her, auf die ich genauer blicke. Ich glaube, dass wir schon einen ziemlich guten Einblick haben, wo die Spieler jetzt sind. Es gibt auch eine Planung mit den NHL-Spielern und eine ganz ohne sie.“

DEB: „Inwieweit kannst du einen Einblick gewähren, was bei der Auswahl für dich wichtig ist?“

Söderholm: „Spielschnelligkeit ist ein großes Thema, Entscheidungen unter Druck, Entscheidungen in engen Räumen, Zweikampfstärke. Dann ist es schon wichtig, welche Rolle ein Spieler bei seinem Heimverein hat. Wenn jemand kein Powerplay oder Boxplay bei seinem Verein spielt, dann muss man sich das wirklich überlegen, ob es mit einer kurzen Vorbereitung möglich ist, den Spieler auch für die Special Teams bei einer WM einzuschätzen.“

DEB: „Hast du bei der Zusammenstellung des WM-Kaders auch die Olympischen Spiele schon im Blick?“

Söderholm: „Ja, das kann ich schon sagen. Aber gleichzeitig muss man auch sagen: Wenn jemand bei der WM nicht dabei ist, bedeutet es überhaupt nicht, dass der Spieler keine Chance mehr auf Olympia hat. Es kann unglaublich viel passieren zwischen Juni und Dezember, Januar, Februar. Unglaublich viel. Vor allem bei jüngeren Spielern, die können plötzlich Schritte machen, die man fast nicht glauben kann. Es hat also schon eine Bedeutung, aber es ist überhaupt keine endgültige Entscheidung.“

DEB: „Welche Punkte sind für dich aktuell bedeutend mit Blick in Richtung Peking?“

Söderholm: „Wenn die NHL dabei ist, dann wird es qualitativ ein sehr, sehr hochwertiges Turnier. Vom Tempo her wird es extrem schnell auf der NHL-Eisfläche, da kommt es noch mehr auf die Schnelligkeit an, die Zweikampfstärke und die läuferischen Qualitäten, diese Faktoren kommen alle noch mehr infrage. Du musst im engen Raum saubere Entscheidungen treffen können und auch wirklich im System bleiben.“

DEB: „Welche wichtigen Termine oder Leitplanken hast du dir für das Jahr bis Olympia gesetzt?“

Söderholm: „Einige sind ja vorgegeben. Im September werden wir eine Longlist rausschicken, dann kommt der Deutschland Cup, dann kommt im Dezember die nächste Nominierungsphase und die endgültige Nominierung ist dann Mitte Januar ungefähr. Und wir gehen davon aus, dass wir im Sommer ein Treffen, eine Art Kick-off haben werden. Wie wir das gestalten, ob mit oder ohne Eistraining, das ist noch offen.“

DEB: „Hast du ein Gefühl, wo die deutsche Mannschaft aktuell steht oder ist das aufgrund der Gesamtsituation der Faktor, den man am schwierigsten beurteilen kann?“

Söderholm: „Das ist wirklich schwer einzuschätzen. Der Deutschland Cup war gut, es war gut, dass wir ihn gespielt haben. Wir haben einige Erfahrungen bekommen, aber bei der WM sind noch sieben andere Nationen mit uns in der Gruppenphase. Insofern ist das derzeit schon ein ziemlich unbekannter Faktor.“